Marcel Ophüls

Chronist, Aufklärer, Provokateur: Marcel Ophüls hat mit seinen Filmen kinematografische und politische Geschichte geschrieben. Er ist einer der wichtigsten und einflussreichsten Dokumentarfilmer unserer Zeit. 2016 war er Ehrengast beim Filmfestival Max Ophüls Preis.

Marcel Ophüls‘ Filme beeindrucken schon allein durch ihre physische Wucht. Sie sind oft mehrstündige, komplex konstruierte Expeditionen durch die Geschichte, deren Tentakel bis in die Gegenwart reichen. Sie würden „Geschichte nicht dokumentieren, sondern vergegenwärtigen“, schrieb Katja Nicodemus 2015 in der „Zeit“. Ophüls‘ Filme sind unerschrockene und aufrührerische Interventionen, die all jene zum Ziel haben, die ihre Verantwortung für zurückliegende Vergehen und Verbrechen nicht wahrnehmen und sich in der Gegenwart bequem eingerichtet haben.

Ebenso berühmt wie berüchtigt ist Marcel Ophüls' Interviewtechnik. Jovial und charmant verwickelt er seine Gesprächspartner in fast beiläufige Plaudereien, um sie im nächsten Moment mit harten Fakten zu konfrontieren und sie so lange mit Nachfragen zu löchern, bis sie ihre Masken fallen lassen und hinter der Mauer des Verdrängens und Verschweigens die Wahrheit hervortritt. Dabei schont er auch sich selbst nicht. Legendär ist sein Interview im Morgenmantel mit dem Ex-Leibwächter von Klaus Barbie, dem ehemaligen Gestapo-Kommandanten von Lyon, in HOTEL TERMINUS – LEBEN UND ZEIT DES KLAUS BARBIE (1988).

Dieser Film ist Ophüls' Opus Magnum. Er wurde dafür vielfach ausgezeichnet, darunter 1989 mit einem Oscar für den besten Dokumentarfilm. HOTEL TERMINUS ist seine monumentalste Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, der ihn immer wieder umtrieb und in seinem Werk eine markante thematische Konstante bildet. 

Einen Skandal, der bis in die höchsten politischen Kreise in Frankreich ausstrahlte, verursachte sein Film DAS HAUS NEBENAN – CHRONIK EINER FRANZÖSISCHEN STADT IM KRIEGE (1969). Darin dokumentierte Ophüls am Beispiel der Stadt Clermont-Ferrand Fälle von Kollaboration und einen tief verwurzelten Antisemitismus und torpedierte damit das Selbstbild einer Nation, die sich mit dem Mythos des heldenhaften Widerstands gegen die Besatzer umgab. Charles de Gaulle höchstselbst verhinderte damals die Ausstrahlung des Films im Fernsehen.

Das Dokumentarische war Marcel Ophüls keineswegs in die Wiege gelegt worden. 1933 in Frankfurt/Main geboren und mit seinem berühmten Vater Max erst nach Frankreich, dann nach Hollywood geflohen, drehte er nach seinem Studium an der University of California und an der Sorbonne in Paris zunächst Spielfilme. Mit Unterstützung von François Truffaut inszenierte er 1963 das Kriminaldrama HEISSES PFLASTER mit Jeanne Moreau und Jean-Paul Belmondo und 1965 die Eddie-Constantine-Komödie AB HEUTE WIEDER NIEDERSCHLÄGE. Mit Truffaut und Jean-Luc Godard verband ihn eine enge Freundschaft. Ab Mitte der 1960er Jahre wandte er sich dann dem Dokumentarfilm zu und machte in diesem Genre Weltkarriere. 

„Eigentlich bedaure ich es, dass ich nicht in der Lage bin, Liebesfilme wie mein Vater zu drehen“, bekannte Marcel Ophüls 2015 anlässlich der Veröffentlichung seiner Memoiren „Meines Vaters Sohn“ 2015 in einem Interview mit der „Zeit“. Diesem „Unvermögen“ hat die Dokumentarfilmgeschichte einige ihrer wichtigsten Werke zu verdanken.